Pirate Radio

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©2003 ImmoKlink Documentary Productions

German Text ©2003 Albert Kuhn

 

 
 

Die Radiopiraten in Babylondon Gegen hundert Piraten-Radiostationen beschicken die multikulturelle Hauptstadt der Welt allabendlich mit den neusten musikalischen Daten. Radikal, liberal und illegal - ein Besuch bei den wichtigsten KMUs und Startups Londons.Von Albert Kuhn

«Dahero heisset ihr Name Babel weil der Herr daselbst verwirret hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreuet in alle Länder.» So spricht das Alte Testament im ersten Buch Moses, Vers 11,9. Hat Moses eine Stadt an der Themse gemeint? Sprach er prophetisch vom allabendlichen Stimmengewirr der Londoner Piratenradios? London-Islington abends um sieben in einer dunklen Seitenstrasse. Vor uns eine nasse bröcklige Wand, aus der eine zerschundene Tür unmittelbar aufs Trottoir führt. Eine Etage höher: Licht aus verhangenen und verklebten Fenstern. Es regnet. In diesem heruntergekommenen Warenlager soll, wenn wir richtig liegen, ein Piratenradio betrieben werden. Und eigentlich sollte DJ Syrus schon hier sein, eine Londonerin spanischer Abstammung, Organisatorin und Seele dieses Senders mit dem ruppigen Namen Ruud Awakening, schwarzenglisch für rüdes Erwachen. Da sie nicht eintrifft, tritt Plan B in Kraft - die Leute da drin anrufen. Fotograf Immo Klink hat sich drei Monate lang wund telefoniert, bis er schliesslich von einem Menschen namens Quest die Handynummer erhielt, die er jetzt einstellt. Es ist die Türöffnungsnummer. Quest öffnet selbst, er scheint hier der Hausabwart zu sein. Wir werden hereingelassen.

Quest schliesst hinter uns ab, lässt den Schlüssel aber stecken. Wer drin ist, dem vertraut man, der darf auch wieder raus, muss aber jemand anders bis zur Tür mitnehmen, der hinter ihm sogleich wieder schliesst. Lohn erhält hier niemand, erfahren wir später, der Lohn ist, mitmachen zu dürfen. Für ein Set von zwei Stunden zahlen die DJs fast aller Stationen dem Chef oder in die gemeinsame Kasse einen Obolus von fünf oder zehn Pfund an den Kauf der Geräte. Quest deutet zu einer Tür, wir könnten ruhig reingehen. Das Studio entpuppt sich als eine knapp acht Quadratmeter grosse, längliche Besenkammer, so klein, damit sie rundherum massiv isoliert werden konnte. Eine Soundzelle im grossen, leerstehenden Warenlager, das Herz von Ruud Awakening. Was diesen Moment auf 104,3 FM über den Londoner Äther geht, macht DJ Dr. Kahn - hier drin, und zwar live.

 

Er mixt, wie die allermeisten DJs der Welt, auf zwei Technics SL-200 Mk2 Plattenspielern mit Spritzgusschassis, Antivibrationssystem, verbesserter Gleichlaufstabilität und einem Pitch Control Regler, der Geschwindigkeitsanpassungen von bis zu plus oder minus 15 Prozent erlaubt. Damit können, die zwei gleichzeitig aufgelegten Scheiben miteinander punkt- oder phasenweise gemixt werden, und darum haben DJs auch den Kopfhörer so schief auf. Mit dem freien Ohr hören sie die Platte, die live und laut läuft, mit dem aufgesetzten Hörerteil scannen sie die stumme Platte auf und ab und suchen mit Nadelversetzen und leichtem Drehen der Vynilscheibe nach exakt der Stelle oder Passage, die man zum bereits laufenden Sound im rhythmisch goldrichtigen Moment hinzufügen könnte. Das kann ein einzelner Beat oder Schrei sein, das kann ein leises Grundrauschen sein, das kann aber, höchste Kunst, ein zweiter Beat sein, der dem Beat der anderen Scheibe eine derart antreibende zusätzliche Spannung gibt, dass sich das anfühlt, als hätte ein Formel1-Fahrer bei Höchstgeschwindigkeit noch einen zusätzlichen Overdrive-Gang gefunden. Oder: Der Dirigent einer Symphonie würde zum Finale plötzlich ein zweites, sich hinter einem Vorhang befindliches Orchester beiziehen können. Wenn Dr. Kahn eine Ansage macht und ich niese, dann hört das ganz London. Beziehungsweise der Teil davon, der grad auf der Frequenz von Ruud Awakening ist.

Wir fragen Dr. Kahn, wieviele das wohl sind? Er lacht, zuckt die Schulter. Es sei noch etwas früh, ein paar hundert, ein paar tausend vielleicht? Wir sollen Syrus fragen, die wisse das. «Frag Syrus», heisst es immer, wenn es heikel wird. Syrus ist die Chefin, und das ist schon sehr erstaunlich, denn von all den gut dreissig Piratennamen, die sich in unseren Notizheftchen angesammelt haben, ist Syrus der einzig weibliche. Sie ist noch nicht da. Die Radiostation Ruud Awakening ist eine Abspaltung von Rude FM, und diesen Sender gibt es auch noch. Es sind vielleicht drei Dutzend Piratenstationen, die in London einigermassen solid bestehen und überleben. Der grosse Rest taucht auf und ab, vermehrt sich durch Zellteilung, geht wieder ein. Viele sind nur in einem Zehntel des Stadtgebietes zu empfangen, und ein Taxifahrer, der nachts von Bethnal Green in Ostlondon zum Flughafen Heathrow am anderen Ende der Stadt fährt, kann auf derselben Frequenz nach und nach vier verschiedene Piratensender empfangen. Je nach Hautfarbe, Alter und sonstigen Präferenzen wird er einen klassischen Reggae-Sender oder einen mit neuer Dance Music eingestellt haben. Rockpiratensender gibt es kaum; die Rock- und Pop-Klientele wird über die legalen Sender happig genug bedient. Den Piratenstationen bleibt vor allem das weite Feld der Dance-Musik, und da gibt es im Moment vor allem zwei konkurrierende Grosstrends: Erstens Drum'n'Bass, der Londoner Sound, der Mitte der 90er Jahre für zwei Jahre die Dance-Welt eroberte, dann als Trend global wieder abgeblasen wurde, der lebt und entwickelt sich in London aber weiter und weiter. Und zweitens der neuste und glattere Sound aus London - das Stilbündel Two step/Garage. Obwohl man immer hört, Drum'n'Bass sei die Lieblingsmusik der weissen Middle Class Kids mit abgebrochenem Studium und Garage sei der Sound für schwarze Nachwuchsdealer und deren Tussis, ist die Wahrheit viel gemischter. Beide Musikszenen haben schwarze und weisse DJs, und beide Musikstile haben ihre bekannten und ihre experimentellen Seiten. Bei Drum'n'Bass ist das Experimentelle aber vorangestellt, dauernd hörbar, bei Garage liegt es tief versteckt in den vertrackten Stop-And-Go-Rhythmusstrukturen, während eine darübersäuselnde Vokalmelodie den Eindruck vermitteln soll, als wäre es der süsseste und harmloseste Pop der Welt. Im Studio von Ruud Awakening stehen mittlerweile sechs Leute herum. Es ist Ablösungszeit. Ein Schwarzer und ein Weisser haben sich aufs Sofa geknallt und drehen sich etwas Rauchbares, Dr. Kahn räumt seine Platten ab und DJ Mayor packt seine aus.

Und wie sieht es hier denn aus? Der Wand entlang liegen und stehen ein paar Stella Artois-Büchsen, eine halbvolle Cola, ein Vittelfläschchen, leere Zigarettenschachteln, eine Red Bull-Dose und eine schräg gestellte Filmleuchte als einzige Lichtquelle. Auf den Studioboxen eine Schachtel Jaffa Cakes, ein Mini-Teddybär mit Latexslip, auf dem Pult ein Antistatic Spray und ein paar Zigarettenstummel. Auffallend ein Draht, der an die Wand geklebt über einen Zettel mit der Bitte «Keep the studio clean» in Richtung Türpfosten führt und irgendwo aufhört. Das sei die Antenne, meint Dr. Kahn, von wo aus ein Microwave Link den Sound zum Sender führe, der irgendwoanders in diesem Gebäude versteckt sei. Von dort geht's via normale Radiowellen zu einem Umleiter, dem Mid Point, der das Signal zur richtigen Antenne schickt, die irgendwo draussen an einer erhöhten Stelle angebracht ist, aber trotzdem unauffindbar sein sollte. Als wir später erfahren, wo die Ruud Antenne wirklich montiert ist, verschlucken wir uns beinahe vor Lachen. Der Studio-Chip von Ruud Awakening wird nun ins Mobiltelefon des nächsten DJs gesteckt, damit dieser auf seinem Telephon die Zuhöreranrufe entgegennehmen kann.

 

Die «Shouts» genannten Ansagen sind in einem Slang gehalten, der klar aus dem schwarzen Südlondon kommt. Der DJ wird, wenn er alleine arbeitet, zum eigenen Master of Ceremony und quasselt rasend schnell die übers Mobile erhaltenen Grüsse herunter, die er mit «Shouts» oder «Big Ups» vorstellt.

Letztere sind Grüsse oder Toasts. Im selben Durchgang propagiert er seinen Sender, dessen Frequenz, die Studionummer, verteilt Big Ups an die Umstehenden und prahlt damit, was in diesem Studio alles los sei, etwa «big ups hier, big ups da, and we got this and we got that and we got journalists from Switzerland Worldweek Massive», wobei «massive» so etwas wie «cool» heisst. Die Spätschicht gehört dem 20-jährigen Dominator.

Die Woche durch ist er Plattenverleger und Täferer, am Wochenende DJ. Manisch sucht er die Plattenläden nach neuem Stoff ab. Sein Motto: «Was älter als eine Woche alt ist, ist nicht gut.» Und steht glücklich an den Plattentellern, macht mit groben Händen die subtilsten Bewegungen, und die Musik rast durch die Kabel und den Transmitter in die Antenne und in die Nacht hinaus. «I am on», sagt er.

Und nun, weit nach Mitternacht, ist auch DJ Syrus da.

Eine Frau Ende zwanzig, die einem vorkommt, als wäre sie wacher als wach. Mit blitzenden Augen sortiert sie uns als ihre Besucher aus und winkt eine Etage höher, wo Quest fernsieht. Dort setzt sie sich hin und schiesst los. Erzählt von 1987, als es mit der neuen Tanzmusik losging: «Die Atmosphäre war so unglaublich intensiv, es gab nichts mehr anderes als diese Acid Music, alle sprachen vom nächsten Rave und wo der wohl stattfinden würde, es war ein neuer Untergrund, und alle trugen diese hippiefizierten Kleider, Ponchos, Schlaghosen, geringelte, enge T-Shirts, die uns scharf von der 80er-Jahre-Hugo-Boss-Mode abhob, mit ihren Achselpolstern.» Bald interessierte sie sich fürs Deejayen, nahm Lektionen beim grossen Carl Cox für 100 Pfund die Stunde. «Ich hatte noch keine eigenen Plattenspieler, sondern bloss Geld für ein paar wenige Stunden. Später zog jemand in unsere WG ein, der hatte die zwei Plattenspieler, die es brauchte. Bald war ich süchtig. Ich kam heim, setzte Kaffee auf, zog meine Jacke aus, stand an die Plattenspieler und mixte den Abend weg. Die andern wollten aber auch, und wir gerieten einander in die Haare, um möglichst viel ran zu dürfen.» Dann wird sie nachdenklich. «Heute sind wir diejenigen, welche die Musik am Leben erhalten. Nirgends wird soviel neue Musik gespielt wie bei den Pirates.

Wir sind ein Lebensnerv, wir sind ein Zuhause, für die Zuhörer und für die DJs, wir stehen für die neuen Gedanken und Experimente, die diese Stadt ausmachen.»

Das Piratenradiowesen ist ein globales Phänomen, in Europa verzeichnen die Niederlande, Griechenland und Grossbritannien am meisten Totenkopfsender. Aber in keiner Stadt der Welt sind soviele illegale Radiostationen auf Sendung wie in London. An einem guten Wochenende sind es gegen hundert und nie unter fünfzig. Die Geschichte begann aber vor fast 40 Jahren. Auf See. 1964 stellte der irische Geschäftsmann Ronan O'Rahilly fest, dass der nationale Radiosender BBC auf dem Höhepunkt der Beatlemania bloss zwei Stunden Pop sendete pro Woche. Er machte eine Milchmädchenrechnung und siehe: Es roch nach einem neuen Markt. Der Ire rüstete ein Schiff mit Studio und Technik aus und montierte auf Deck eine überdimensionierte Antenne, so dass das Schiff aussah wie ein schwimmender Bohrturm. Nun wurde die Insel von ihren Küstengewässern aus mit Pop beliefert, von Beatles bis Pink Floyd. «Rahilly's Radio Caroline und die ebenso seetüchtige Konkurrenz Radio London erfanden Pop Radio, so wie wir das heute kennen», schrieb rückblickend der Londoner Guardian in einer Reportage über die Radiopiraten der Nation. 1967 allerdings wurde auch das Meer vom englischen Senderecht erfasst, und gleichzeitig kaufte das neue Radio One von BBC die besten und beliebtesten Radio DJs frisch ab Schiff: Tony Blackburn, Kenny Everett und John Peel, den wohl beliebtesten und unnachgiebigsten DJ ganz Englands. Damit wurden Piratenradios nicht nur illegal, sondern erhielten erstklassige Pop-Konkurrenz von ihren besten Kräften auf gut dotierten Sendern. Aber genau das ist und war der Effekt der Piratensender: Sie führen eine neue Welt ein und verändern damit die bestehenden Stationen. In den 70er und frühen 80er Jahren war die Piratenradioszene tot oder scheintot, hatte keine Funktion mehr, die legalen Sender waren nun auch Popsender. Dies änderte sich Mitte der 80er Jahre, als plötzlich House Music aus den USA auftauchte, in Grossbritannien auf immer grösseren Rave-Anlässen gespielt wurde und sich zum britischen Acid House weiterentwickelte. Da die Ravers bald auch zuhause mit Elektrobeats und wummernden Synthesizerbässen versorgt werden wollten, aber bei BBC und Capital Radio noch kaum jemand wusste, dass es das überhaupt gab, war wieder Selbsthilfe gefragt. Einer der vielen Piratensender, die damals aufblühten, war KISS FM. Die Geschichte dieser Station vom besten illegalen Rave-Sender zur legalen Yuppie-Radiostation im weissen Haus an der Hollowway Road ist ein Paradebeispiel für den Niedergang der Dinge überhaupt. Alles geht vorbei, die schönste Energie verpufft - eigenartig ist bloss, dass die Produktion von gepflegter Langeweile hochdotiert ist, während jene, die die Dinge am Leben erhalten, eher bezahlen müssen. Konkret: Die Piraten DJs bezahlen fünf englische Pfund pro Radio-Auftritt für die Benützung der Technik, dazu kommen ihre Auslagen für Platten und schliesslich die eigenen Plattenspieler zuhause.

Am zweiten Tag in London erhalten wir nachmittags eine Botschaft von DJ Danny: «5 mins m8».

Die Übersetzung: m8 gleich m-eight, und das tönt wie mate, englisch für Kumpel. Ruf in 5 Minuten an, Kumpel. Das tun wir und erfahren, wo es heute Abend hingeht. Es ist ein Pub wie tausend andere: «Ruby Tuesday», nahe der Underground-Station Elephant & Castle, nun südlich der Themse. An billigem Holztäfer hängen gerahmte Stiche mit royalen Szenen. Bier, Alcopops und Cola fliessen in Strömen, die zehn Meter von der Bar zum DJ-Pult können nur unter Verlust der Bierschaumkrone zurückgelegt werden, das Publikum ist working class und unter 20, zur Hälfte weiss und jeansprolo, zur andern Hälfte schwarz in Edeltrainern. Die schwarzen Jungmänner stehen an der Wand und lassen sich von raffinierten Minderjährigen aus demselben Clan umgarnen, ein ewiges Spiel um gegenseitiges Beeindrucken und sich nichts anmerken lassen. Am DJ-Pult steht, rundlich und gemütlich, unser Mann. Danny mixt hier ein populäres, aktuelles Rhythm'n'Blues-Programm mit erfrischenden Ausflügen in Garage, Drum'Bass und frühen Jungle. Neue Hits von Ms. Dynamite und alte von General Levy tauchen auf: Boojaka, boojaka, johlt die Menge. Danny weiss, was die Leute wollen. Wir helfen ihm, die schweren Plattenkisten in seinen Golf zu tragen und fahren mit zu seinem zweiten Auftritt im etwas nobleren Cesars Club, auch in Südlondon und deshalb Garage-Territorium. Danny Blaze ist DJ und Chef des Garage-Radios Flashback FM: «Warum ich das tue? Ich bin ein DJ. Ich kann aber nicht einfach bei Capital Radio oder Kiss reinlaufen. Also muss ich Erfahrungen sammeln. Und keine Schule ist so hart, wie allein in einem Keller oder einer Garage zu stehen, zwei Stunden durchzumixen, per Handy die Shouts der Zuhörer anzunehmen und auszurufen und die ganze Zeit keinen Fehler zu machen.

 

Wenn du das kannst, dann bist du dabei, dann ruft irgendwann BBC an. Ich würde ein Angebot selbstverständlich sofort annehmen.» Wer hört Piratenradio und warum? Darüber gibt es keine Untersuchungen, und es wird wohl auch nie welche geben. Anhaltspunkte schon. Beginnen wir mit den Zuhörern von Gesetzes wegen: Das DTI, Department for Trade and Industries und die DTI-Abteilung Radio Authority. Grund: Piratenradios sind eben Sender ohne Lizenz, suchen sich ihre Frequenzen selber aus und werden von Gesetzes wegen verfolgt. Allerdings nicht so konsequent wie man das könnte. Als im Juni 1999 der politische Piratensender Radio Interference im Vorfeld des globalisierungskritischen «Carnival against Capitalism» auf Sendung ging, schlug das DTI blitzschnell zu, fand Studio und Sendegeräte, beschlagnahmte das Equipment, und weg war Radio Interference.

Ebenso könnte man mit Ruud Awakening oder Flashback FM verfahren, aber weil diese Sender ausser halt eine Frequenz zu belegen, keinen offensichtlichen Schaden anrichten, lässt man sie vorläufig gewähren. Nur die blutigen Amateure, die sich auf der erstbesten Frequenz festsetzen und ihre Antenne auf Nachbars Hausdach platzieren, werden meistens schnell entdeckt, ihr Transmitter wird konfisziert.

Eine zweite Gruppe von professionellen Zuhörern sind Londons Werber. Sie scannen die Sendungen ab nach neuen Sprüchen und Ausdrücken im Südlondoner Dialekt. Aktuelle Beispiele: «To be bling bling» heisst: Jemand blufft mit teuren oder scheinteuren Klunkern. Und «Politics is too long» will sagen: Politik sei zu kompliziert, es brauche zu viel Zeit, um sie zu erklären. Die Sprüche sieht man dann etwas später fünf Meter breit an den Wänden der U-Bahn. Drittens das Hauptpublikum - die Ausgeh-Generation, die Partygänger, Dance Music Fans, Autofahrer, und all jene Rumhänger, die gern einen unberechenbaren Sender einstellen, wo mal was daneben geht, wo man anrufen kann oder hört, wie andere anrufen - wo man sich eben dabei und am Leben fühlt. Im Ruby Tuesday fragte ich ein paar Leute, die nicht allzu heftig tanzten, ob sie zuweilen Piratenradio hören würden. Die schwarze Cher meinte: «Na klar. Und wenn du einmal auf Pirates warst, dann hältst du die legalen Sender überhaupt nicht mehr aus, da schläfst du im Stehen ein.» Sie erhält beipflichtendes Gelächter. Chers Freund Ram meint, selbst wenn man nie anrufe, sei es ein gutes Gefühl zu wissen, dass man das jederzeit tun könnte. Es gehört offenbar zum Charme und der sozialen Wirkung dieser Sender, dass sie meist klein sind und dass da ein DJ steht, der sich freut, wenn jemand anruft. Dieses Potential bemerkt auch eine kleine vierte Gruppe von Piratenradio-Hörern - die Manager und Sendungsverantwortlichen von BBC und Capital Radio. BBC versucht neuerdings, auf den Piratenzug aufzuspringen und Sendungen à la Pirates zu machen, und sich für die Kids mit Trends zu parfümieren. Dabei hat BBC mit dem über sechzigjährigen John Peel den einzigen Urpiraten im Haus, dessen Sendungen immer noch krachen wie eh und je - den Schutzheiligen aller Piraten DJs. London ist ein Babylon, das sich gegen das Schicksal erhebt, sich nicht zu verstehen. In dieser Stadt scheint ohne Absprachen und im steten Vollchaos ein Prozess abzulaufen, ein geheimer Masterplan, welcher die vom strengen alttestamentarischen Gott verstreuten Sprachen wieder zueinander führen will. Der Schlüssel dazu ist die Metasprache Musik, das Esperanto der Völker, ein virtueller Raum, wo sich die Unterschiedlichkeiten treffen, miteinander spielen und neu kombiniert werden. Und wenn Mischlingsmusiken die Hitparaden erobern, löst das völkische Verkrampfungen. Für den Energiefluss und die Signalübertragung sorgen die Piraten. Freaks? Idealisten? Nein. Startups des dritten Jahrtausends.

 
 
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